Freitag, 25. August 2017

#33 – Stadt Land Fluss

Ich hab’s ja immer gesagt: Ich gehe nie auf’s Land zurück. Wien ist meine Stadt, mein Zuhause. Aber wir kennen es doch alle: Sag niemals nie. Denn nun gehe ich zurück auf’s Land obwohl Wien meine Stadt, aber nicht mehr mein Zuhause ist. Auch wenn mich dieses Abenteuer Dachbodenumbau phasenweise an meine emotionalen Grenzen bringt (ja, Mama, ich meine Dich), so ist es nicht nur der richtige Schritt, sondern auch ein sinnvoller. Der Dachboden im Haus meiner Mama wird meine Home-Base, Wien bleibe ich in einem WG-Zimmer erhalten. An dieser Stelle: Wer hat ein Zimmer ab Mitte Oktober frei?

Titelbild von Annie Spratt

Es begann mit dem Ausräumen des Dachbodens. Das war hart und ich stand zwei Mal verzweifelt in meiner zukünftigen Bleibe. Mit Tränen in den Augen. Nahe am Auszucken. Zwei Mal habe ich gebrüllt, ich hau alles hin und mich an den Computer gesetzt und Wohnungs- bzw. Hausanzeigen studiert. Ich kam recht schnell wieder zu mir, habe durchgeatmet und weiter das Auto mit Sachen für den Sperrmüll gefüllt. Bis jetzt war ich zehn Mal beim Sperrmüll. Der Roomster stets bis oben hin voll. Sechs Umzugskisten mit warmen Kleiderspenden gingen an Concordia Sozialprojekte. Es ist ja nicht alles Müll, was der Dachboden zu bieten hatte.

Zwischen Online-Tutorials & Luftschlossbauen
Es sind eigentlich nicht recht viele Schritte bis zum Einzug. Aber es dauert alles, denn ich pendle zwischen Stadt (Wien) und Land (Waidhofen an der Ybbs). Ich habe da ja auch noch Kunden und Projekte. Ich habe eine Liste mit Umbau-To-Do’s die ich stückchenweise abarbeite: Angebote einholen, Gespräche führen, Online-Tutorials zu PVC-Boden entfernen und Rigipsplatten abnehmen anschauen, Schnäppchenpreisrecherche und Professionisten-Casting.

Bohrer, Bohrer

Gestern Abend habe ich dann die Rigipsplatten abgenommen, damit ich in meine Dachschräge ein Fenster bauen lassen kann. Dann bin ich bis Mitternacht über den Fußboden im Vorzimmer gerobbt und hab den in den 1990er-Jahren verlegten PVC-Boden begonnen rauszureißen. Definitiv keine Lieblingsbeschäftigung, aber man kann gut das Hirn dabei runterfahren. Man weiß halt nach so einem Abend das man was gemacht hat: Denn du spürst jede Faser deines Körpers. Das hielt mich aber nicht davon ab, heute die restlichen Quadratmeter des Bodens zu entfernen. Und es musste ja auch gemacht werden, denn wenige Momente nachdem ich den letzten Fetzen PVC schwungvoll abgerissen habe, stand der Fliesenmann da. Und dann ging es eigentlich Schlag auf Schlag. Ich habe heute meine Fliesen ausgewählt: AFAB Icon Silver 60 x 60 cm. Und, ich habe heute den Auftrag für das Dachschrägenfenster gegeben.
Jetzt fehlt nur noch die Küche, aber ob des konstruktiven Gesprächs mit den Jungs von Handgedacht.Wien bin ich auch hier recht vorfreudig und aufgeregt, denn ich glaube, meine Küche, wird die allertollste. Auf Basis des Patchwork-Konzepts von Handgedacht.Wien verwandelt sich eine alte Kommode von meinem Urgroßvater und ein altes EWE-Küchenkastel meiner Urgroßmutter in meine Küchenzeile. Welche später mit wunderschönen typisch portugiesischen Fliesen, den traditionellen Azulejos, verschönert werden wird.
Ich habe das Gefühl, ich bin gut unterwegs und in meinem mir selbst gesteckten Zeitplan. Ich sehe, wie die Dinge zusammenkommen. In meinen Gedanken hat sich der Dachboden bereits mit Leben gefüllt und ich bin eingezogen. Ich habe eine Vorstellung davon, wie ich hier arbeiten und vor allem wie ich hier leben werde. Wie sich die Räume mit Glück, Freude und Liebe füllen werden.

Opas Kommode ist bald ein Teil meiner Küche

Eine Wallung mit Namen Euphorie
Ich gehe also dahin zurück, wovon ich vor 18 Jahren geflüchtet bin: Vor der fehlenden Weite, der nicht-vorhandenen Infrastruktur, des unerwünschten Weiterkommens. Hier am Land in meiner Heimatstadt spürt man die Bewegung und dennoch bewegt sich recht wenig. Es gibt Leer- und Stillstand, aber auch zarte Pflänzchen mit den Namen Vision und Aufbruch. Ich bin bereit zurückzukommen und mich voll auf dieses Abenteuer einzulassen. Denn in jenen Momenten, in denen ich nicht Fußböden rausreiße, zum Sperrmüll fahre oder lautstarke Diskussionen mit meiner Mama führe, sondern in welcher ich in die Natur, in die Ruhe, in die Schönheit und bewusst in meine zukünftige Umgebung eintauche, dann ist da diese unzähmbare Euphorie. Eine wilde wohlige Wallung die durch meinen Körper zieht.