Freitag, 4. Mai 2018

#36 – Der Wehmut ein Stoppschild

Ich bin heute aufgewacht und mein Gefühl war anders. Ein Gefühl, das in der Magengegend wohnt. Ich wusste nicht, dass ich es habe. Denn ich dachte, mit meiner bewussten Entscheidung aufs Land zu ziehen, setze ich der Wehmut ein Stoppschild. Aber dann war da heute Morgen. Ein Tag, von dem ich wußte, dass er kommen wird. Der Morgen nach einem großen Projekt und der Morgen 48 Stunden vor meiner Abreise.

In den letzten Stunden hat sich dieses Gefühl verstärkt. Ich dachte erst, es wäre das vegane Red Thai Curry das mir einheizt und dieses Gefühl in der Magengegend verstärkt. Und als ich dann im Zug saß und dieser sich langsam aus dem Bahnhof rausbewegte, breitete sich eine plötzliche Traurigkeit aus. Ich bin überrascht, dass mich dieses Gefühl gefunden hat und aufwühlt.
Wenn Du nach über eineinhalb Jahrzehnten die Stadt, die dein Zuhause ist, verlässt, dann kann sich da etwas in Dir rühren. Bis jetzt war mir nicht bewusst, dass ich diesen Abschied künstlich rausgezögert habe, denn war ich die letzten Wochen und Monate noch jede Woche für ein, zwei Nächte in Wien. Und jetzt sitze ich im Zug und weiß zum ersten Mal seit knapp 18 Jahren nicht, wann ich das nächste Mal in Wien sein werde. Es ist, als würde ich einen geliebten Menschen verlassen. Schluss machen. Dieses Gefühl schmeckt nach Schlussmachen. Meine Entscheidungen werden plötzlich Realität.
Mit jedem Kilometer, den der Zug sich weiter von Wien entfernt, weicht dieses Gefühl auf und macht Platz für Freude und Glück. In knapp 30 Stunden bewege ich mich weiter und wiederhole mein Digitalnomadenprojekt. Ich sehne mich nach diesem dreimonatigen Break. Es fühlt sich an, als würde ich einen Reset-Button drücken. Plötzlich ergeben die letzten Monate einen roten Faden, den ich so nicht wahrgenommen habe. Die Wehmut lässt mich spüren. Und ich kann nicht sagen, ob mir ob des Abschieds von Wien zum Weinen zumute ist oder ob der Vorfreude, die sich ausbreitet. Auf drei Monate minimalistisches Leben abseits der Komfortzone. Auf drei Monate Abenteuer ohne zu wissen, was tatsächlich kommt. Der Weg entsteht wie im Vorjahr im Fahren und Gehen. Die Strecke ergibt sich mit der Bewegung. Es gibt lediglich eine Start- und Endpunkt. Und ein Nadelöhr namens Montpellier.

Ich habe in den letzten Wochen und Monaten viele Blogbeiträge in meinem Kopf geschrieben. Doch hatte ich nicht die Muse, sie auf digitales Papier zu bringen. Und ich wusste schlicht nicht warum. Denn ich schreibe gerne. Um zu verstehen, warum manche Dinge passieren und so sind wie sie sind und um das, was mich bewegt, umgibt und antreibt festzuhalten. Für den Lebensabschnitt, wo ich mich vielleicht nicht mehr an alles erinnern kann. Wo sich Lücken auftun.
Und nun sitze ich im Zug, zu gleichen Teilen wehmütig und freudig, und in mir fährt die Schranke hoch, die sich wohl eingenistet hat und mich an diesen Punkt hat kommen lassen müssen, wo ich im Zug sitze und Tränen kullern, weil ich begreife, dass ich gerade ein neues Kapitel aufschlage.